Alles Coaching, oder was ?!


Nach Feierabend-Coaching, Familien-Coaching, Feng-Shui-Coaching, nun also auch Fundraising-Coaching: Die inflationäre Verwendung des Bindestrichs, mit dem das Beratungsformat „Coaching“ mit allerlei Themen zu einer Art Trainings-Tool legiert wird  (ja, auch Hunde-Coaching und Wohn-Coaching wurden bereits erfunden), feiert fröhliche Urstände – wer den Begriff “Fundraising-Coaching” googelt, stößt auf Tausende von Einträgen

Coaching für alles und jedes?

Inflation im Goldfischglas?
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Coaching ist eine eigene Profession

Geläufig wurde der mittlerweile arg strapazierte Begriff „Coaching“ seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Welt des Berufssports. Im allgemeinen Arbeitskontext aber wird „Coaching“ heute definiert als “professionelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen in Führungs- und Steuerungsfunktionen und von Experten in Organisationen” (Ulrike Wolff, Definition des Praxisfeldes Coaching, in: Coaching als Profession, Deutscher Bundesverband Coaching DBVC [Hrsg.], Osnabrück 2010, S. 18).

Familie, Feierabend, Feng-Shui – und jetzt Fundraising?

Und das heißt, nicht etwa Feierabendgestaltung, Familienleben, das Einrichten nach den Prinzipien des Feng-Shui oder die Kunst des Fundraisings sind klassischerweise die (Lern)-Inhalte eines „Coachings“. Sondern Führungskräfte in Unternehmen oder Experten erfahren in einem Coaching Begleitung, Beratung und Unterstützung in ihren Rollen und Nöten. Entdecken neue Möglichkeiten im Hinblick auf ihr Verhalten. Klären Entscheidungen, Strategien und Zielvisionen – in der Zusammenarbeit mit einem professionellen Gegenüber, einem Coach.

Sparringspartnerschaft: Coach und Coachee

Sparringspartner: Coach und Coachee
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Falls nun dieser Coach in einem solchen Prozess (in der Regel übrigens über einen längeren Zeitraum) dann noch etwas vom Geschäft, der Organisation, der Berufswelt seines Klienten versteht – kurz „Feldkompetenz“ genannt –, so kann das durchaus von Vorteil sein. Ein Hund (Stichwort „Hunde-Coaching“) aber muss der Coach deshalb so wenig sein, wie sein Kunde in einem Coaching für gewöhnlich das Bellen lernt…

Pragmatisch, einfach – gut?

Und auch nicht das (bessere) Fundraisen – wenn ich die Flyer und Webseiten vieler Coaching-Angebote für Fundraiser denn richtig deute. Signifikant häufig wenden sie sich nämlich an gestandene „Professionals“, die ihr Fach – das Fundraising – schon beherrschen. Da allerdings finden sich erstaunlicherweise Kurzzeit-Seminare, die sich bei näherem Hinsehen als niedrigschwellige Spezial-Angebote an jene Fundraiser unter den „Professionals“ wenden, denen es bisher noch an Leitungserfahrung fehlt. Die vielleicht erstmals ein Team führen werden im Rahmen eines Fundraising-Projekts. Da geht es – an sich eine ausgezeichnete Idee! – um Kompetenzerweiterung und Selbstreflexion. Wenn etwa die eigene Motivation schwankt oder sich die Herausforderung Selbstmanagement stellt – was bei den zahlreichen Einzelkämpfern unter den Fundraisern sehr oft der Fall ist. Wo Probleme aufkommen mit der eigenen Work-Life-Balance im harten Fundraiser-Alltag, zumal unter dem bekanntermaßen ja hohen Erfolgsdruck (bei oftmals nur spärlicher Anerkennung), unter dem Fundraiser sicher häufiger zu leiden haben. Aufbau von Kenntnissen zur Verbesserung von Management- oder den sogenannten Soft-Skills werden gerne verheißen – und deren Erlangung innerhalb kürzester Zeit, quasi mühelos. Vor allem auch „Tools“ aus dem Coaching-Baukasten sollen mitunter in einem Crash-Kurs vermittelt werden.

Universal-Pakete: Eins für alles…

Damit sind solche „Universal-Pakete“ für die Zielgruppe einerseits adressiert an Fundraiser in ihrer Rolle als potenzielle Coaching-Klienten – zugleich aber handelt es sich dann auch um Weiterbildungsmaßnahmen für Fundraiser zum Coach (!), also um den Erwerb einer Coaching-Expertise im Gegenüber zur eigenen Mitarbeiterschaft. Das alles aber ist über ein paar Tage (manchmal sogar nur an einem einzigen) kaum zu leisten.

Und hochproblematisch ist die Rollen-Diffusion (um nicht von -konfusion zu sprechen), zu der diese – auf den ersten Blick ja durchaus attraktiven, weil pragmatisch erscheinenden – Angebote solchen „Fundraising-Coachings“ die angehenden Coaches unter den Fundraisern (oder eher die Fundraiser unter den künftigen Coaches?!) verleiten könnte. Wie aber sagt man dazu an der Waterkant: „Wenn eine Katze im Fischgeschäft Junge kriegt, dann werden das noch lange keine Sprotten!“

„Alles Coaching, oder was?!“

Gute Frage – und gerne folge ich darum als Senior-Coach und Mitglied des Präsidiums des Deutschen Bundesverbandes Coaching (DBVC) der Einladung zu einem Zwischenruf über den Gartenzaun – in guter Nachbarschaft zwischen Fundraisern und Coaches – mit diesem Beitrag in einem vielgelesenen Branchen-Blog. Und auch zur Werbung für den Anspruch meines eigenen Berufsverbandes: „Seiner führenden Rolle gemäß setzt sich der DBVC für Seriosität, Qualitätsstandards und Professionalität im Coaching-Bereich ein. Als einziger Verband verfolgt der DBVC ein Vier-Säulen-Konzept und verbindet Experten aus allen relevanten Feldern: Coaching, Unternehmen, Wissenschaft und Weiterbildung.“

Professionalität auch im Umgang mit dem Bindestrich

Die Verbindung eben dieser Kompetenzen auf den genannten vier verschiedenen Feldern ist und bleibt (das ist die „Unique Selling Proposition“ des DBVC) somit ein zentrales Anliegen – und wird auch in Beratungsszenarien rund um das Thema „Fundraising“ wirksam. Fokussiert auf den Kunden, dem wir als Berater ja alle verpflichtet sind. Ein ebenso großes Anliegen müsste uns darum die Trennschärfe zur jeweils anderen anerkannten Kompetenz und Fachlichkeit sein. Was allerdings eine komplementäre Integration im Sinne einer systemischen Organisationsentwicklung oder eines systemisch verstandenen Changemanagements nicht ausschließt, so lange sie professionell gehandhabt wird.

Vorsicht daher, bitte, mit der inflationären Verwendung des Bindestrichs! Damit sich Experten beider Professionen – Fundraising und Coaching – auch künftig sauber von jenen „Experten“ und deren „Bindestrich-Angeboten“ unterscheiden können, die sich mit allerlei Kuriosem um Kunden bemühen (die eigentlich vor ihnen gewarnt werden sollten), mit solchen Themen: Feierabend-Coaching, Familien-Coaching, Feng-Shui-Coaching…

Über Günter A. Menne

Coach und Kommunikationsberater mit eigener Praxis in Rösrath bei Köln. Zertifiziert als Senior-Coach im Deutschen Bundesverband Coaching (DBVC) und Mitglied des Präsidiums.

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