Die gelungene Zukunft: Denken Sie im Futur II !


Dieses Buch als Ferienlektüre und mein Tipp: sich als Fundraiserin und Fundraiser einmal ganz bewusst auf diese wundervollen, leicht zu lesenden Denkfiguren einlassen. Und anders aus dem Urlaub rauskommen, als Sie hineingegangen sind.

Harald Welzer ist Professor für Transformationsdesign, sein Thema sind Veränderungsprozesse. Und das Thema seines Buches ist die schleichende Verführung einer industriellen Denklogik, die sich über viele Jahrzehnte hinweg scheinbar unkontrolliert entwickeln durfte und uns suggeriert, dass in der kleinteiligen Optimierung von Prozessen unser Erfolg und unser Heil liegt. Diese Logik hat uns unser Gespür, unser Gefühl für die ganzen und großen Dimensionen unseres Lebens und unserer Umwelt weitgehend genommen. Und uns gleichzeitig gestattet, uns mit immer weniger immer intensiver zu beschäftigen, und nur noch für das Kleine verantwortlich sein zu müssen.

Harald Welzer zeigt sehr anschaulich, weshalb diese Denke neoliberale Verhaltensmuster erst möglich gemacht hat – und weshalb wir uns inzwischen so schwer tun, Neues und Ungewöhnliches zu denken, geschweige denn zu tun. Und dass wir uns mit dieser mechanistischen Logik eine Welt erdacht haben, die uns an ganz vielen Stellen, privat, beruflich und gesellschaftlich suggeriert, dass alles so weiter gehen muss, weil die einmal eingeschlagene Richtung alternativlos ist. Welzer sagt, die Politik kenne kein Projekt mehr, das über sie selbst, über ihre Tagesaktualität, hinausweist. Daher die Rede von der Alternativlosigkeit, daher der rein tagespolitische Aktionismus. Die Politik sei deshalb, weil sie so schnell und aktuell sein will, chronisch von gestern.

Welzer steigt tief in die Geschichte der industriellen Revolution ein, hat keine Scheu, kulturanthropologische Brücken zu schlagen, um uns an vielen Beispielen zu zeigen, wie wir uns in unseren Denk- und Handlungsmöglichkeiten nicht optimiert, sondern reduziert haben. Er fordert einen Kulturwechsel, der nicht mehr an Effizienzsteigerung interessiert ist sondern sich die Frage stellt, was denn für ein gutes und richtiges Leben notwendig wäre – und danach Einsatz, Energie und Mittel bestimmt.

Dies könnte ja der oft gehörte Appell sein, sich mehr mit Zielen als mit Verfahren zu beschäftigen, mehr strategisch als taktisch zu denken und zu handeln. Doch Welzer geht noch weiter, er ermutigt zum Denken im Futur zwei: was würde gewesen sein, wenn Sie aus der gelungenen Zukunft auf Ihre Vergangenheit zurückblicken. Das also, was wir im systemischen Denken bei Steve de Shazer als „die Wunderfrage“ kennengelernt haben. Die Aufforderung, selbst aus der gelungenen Zukunft die Vergangenheit zu antizipieren – und danach Handlungsmodelle zu entwickeln.

Viele Hinweise, die uns wohl bekannt sind, begleiten die Entwicklung dieser Perspektive des radikalen Change: nicht in die Falle gescheiterter Organisationen zu tappen, indem Strategien weiter intensiviert werde, die im Normalfall erfolgreich waren. Der Rat, die Maximen ebenso radikal umzustellen: Achtsamkeit statt Effizienz. Genauigkeit statt Schnelligkeit. Und innehalten, statt weiterzumachen. Das wäre der Weg in eine „reduktive Moderne“.

Reduziert werden aber nicht Denken und Verhalten, im Gegenteil, sondern der Verzicht auf die Fertigbausteine einer Normenwelt, die uns vorgaukelt, dass es nicht anders geht, wie es geht.

Hier schließt sich der Kreis zum Titel und den prägnant kurzgefassten 12 Regeln: Selbst Denken ist tatsächlich eine „Anleitung zum Widerstand“ gegen Denk- und Handlungsschablonen. Das Buch fordert nichts mehr als das Akzeptieren unserer bedingungslosen Selbstverantwortung, die aber nur produktiv wird in der Verantwortung für das Ganze. Ein „Geschäftsmodell“, das, wie Welzer so schön zitiert, kurzfristigen Altruismus mit langfristigem Eigeninteresse kombiniert.

Was sagt uns das als Fundraiserinnen und Fundraiser, mal ganz praktisch? Einfach auf Regel 2 schauen: Es hängt ausschließlich von Ihnen ab, ob sich was verändert. Und Regel 6: Sie haben jede Menge Handlungsspielräume. Schönen Urlaub!

Über Klaus Heil

Klaus Heil ist Leiter des Fundraisingbüros der Diözese Hildesheim, einer bundesweit tätigen Agentur für Fundraising und Organisations-entwicklung. Das Fundraisingbüro ist zentraler Kooperationspartner des Zentrums für systemisches Fundraising.

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