Erwachsene lernen anders


Klaus Heil und Susanne Reuter zur Frage, wie „Systemisches Fundraising“ in der Fortbildung funktioniert. (Teil 1)
Klaus Heil und Reimund Wolf, Dozenten

Nochmal die Schulbank drücken? Klaus Heil sagt: “Nicht in der Fortbildung Systemisches Fundraising!”

Was verstehen Sie unter Lernen? Die meisten denken an ihre Schulzeit zurück oder an die Berufsschule während der Lehre. Und in neuerer Zeit einige auch an ihr Studium, seit das Studieren so „verschult“ ist. Wir denken dann vor allem an Wissen (müssen), Auswendiglernen, Frontalunterricht, Klausuren und Prüfungen – all das, was mit dem treffenden Begriff „Stoffhuberei“ bezeichnet wird: Möglichst viel möglichst schnell in den Kopf kriegen…

Denken Sie gerne daran zurück? Wir nicht…

Lernen ist natürlich wesentlich mehr als Auswendiglernen, oder bloßes Abspeichern von Wissen, das uns nachher in die Lage versetzt, das „Gelernte“ auf Knopfdruck abzuspulen. Fragen Sie sich einmal ernsthaft, was Sie heute noch aus der Schul- oder Studienzeit wissen? Aber viel interessanter ist die Frage, warum ausgerechnet DAS, was Sie noch im Kopf haben, noch da ist…? Weil es verknüpft ist mit etwas, das es in Ihnen verankert hat. Aber was ist dieses Etwas? Nun, ganz einfach: etwas Wichtiges, für SIE Wichtiges.
Ein Kollege aus der Erwachsenenbildung sagt: „Der Weg von der Information zum Wissen ist ein reflexiver Vorgang: Wahrnehmung – Reflexion – Handeln“ (Quelle: Dipl.-Theol., M.A. Elmar Weyand, Erwachsene lernen anders, 2010 ) und erklärt dazu das Lernen aus der „sozial-konstruktivistischen Sicht“:

  1. Jeder Mensch hat ein kognitives und emotionales Schema – nennen wir es eine Art mentaler, komplexer „Irrgarten“, der einzigartig, einmalig und verhältnismäßig unbewusst ist.
  2. Erhält dieser Mensch nun Informationen, landen sie in diesem Irrgarten. Die Informationen finden nur dann einen Ort zum Verweilen, wenn sie Ähnlichkeiten finden oder einen “Landeplatz”, der genau diese Art Neuigkeiten anziehend oder interessant findet – ist das nicht der Fall, verirren sich die Informationen spurlos in den Tiefen des Irrgartens und werden nicht mehr wiedergefunden.
  3. Lernen heißt also: neue Inhalte werden mit bereits in den Wissensnetzen vorhandenen Inhalten verbunden. Dadurch entstehen individuelle Verankerungen und auch sehr individuelle Bilder – Lernen wird damit zu einem eigenaktiven und konstruktiven Prozess.
  4. Lernen geschieht stets in direkter und indirekter Kommunikation, also in Auseinandersetzung mit der Umwelt.

Was heißt das für das didaktische Design von Fortbildungen?

Gerne zitieren wir den oben genannten Autor, denn er trifft unsere Erfahrungen auf den Punkt: „Erwachsene sind lernfähig, aber unbelehrbar!“ (ebd.) Es muss also darum gehen, dass Menschen sich Wissen aneignen indem sie ganz eigene Kompetenzen ausbilden.

„Wichtiger als das Beherrschen des jeweiligen Fachinhalts wird das, was man daran und in der Auseinandersetzung damit persönlich an fachübergreifenden Grundqualifikationen und inneren Haltungen lernt und erfährt.“ (Elmar Weyand)

Erfahrungsbasiertes Wissen und Transfer ins reale Leben sind das A und O

Erfahrungsbasiertes Lernen – Teamübung “Der schwebende Zollstock”

Die Fortbildung „Systemisches Fundraising“ verläuft deshalb nach unserem liebsten Motto „Willst du Erkenntnis gewinnen, lerne zu handeln.“ (Heinz von Foerster, wichtiger Vordenker des Konstruktivismus ). Das heißt: wir belehren nicht, und die Teilnehmer lernen nicht im (leider) bekannten Sinne. Wir schaffen konsequent Ermöglichungsräume für erfahrungsbasiertes Lernen, von Anfang an bis über das Ende der Fortbildung hinaus – und das individuell, für Jeden und Jede ganz spezifisch.

Dieser Ansatz löst bei klassischen Input-Pädagogen großen Schrecken aus. Wie können 20, 25 TeilnehmerInnen über viele Tage hinweg ganz individuell lernen? Gehen da nicht die Standards verloren? Die Antwort ist im Grunde ganz einfach: Wir haben schlicht keine Angst vor Heterogenität. Gerade die Individualität und die Verschiedenheit der mentalen “Irrgärten“ macht das Lernen erst lebendig – und diese beim Anderen zu erkennen und für sich selbst davon zu lernen, bringt den Beteiligten den größtmöglichen Gewinn.

Ja, aber – wie macht man das?

Musterprojekte als Motor der Fundraisingentwicklung

Kollegialer Austausch und Know-How-Transfer über das konkrete Vorhaben als Übungsprojekt.

Eine wichtige Funktion übernehmen hierbei die “Musterprojekte”, sie stehen im Zentrum der Fortbildung und sorgen für die notwendige praktische “Erdung”: Die Beteiligten kommen sofort anhand konkreter Fundraisingvorhaben ins praktische “Üben” und Ausprobieren.
Die Teilnehmer werden so in die Lage versetzt, ihre Fundraising-Maßnahmen strategisch und systemisch aufzusetzen und dabei die Fähigkeiten und Ressourcen ihrer potenziellen MitstreiterInnen in die Planung, Konzipierung, Umsetzung und Auswertung erfolgreich mit einzubeziehen.

Sie merken vielleicht an dieser Stelle, was die Andersartigkeit dieses Lernmodells ausmacht:
Es benutzt konsequent die Ressourcen der TeilnehmerInnen, kehrt also quasi die Hierarchie des allwissenden Dozenten um.

Dazu gehört auch, dass die TeilnehmerInnen erfahren, wie man das notwendige interne Veränderungsmanagement umsetzt und zielführend begleitet. Aber vor allem, wie sich das anfühlt, wenn man dann selbst danach handelt: Zum ersten Mal, zum zweiten Mal, zum x-ten Mal, um schließlich zu erkennen, welche Rolle man selbst in der Steuerung der Entwicklungen innehat, haben sollte oder besser aufgeben müsste…

Ein großes Lernfeld – wie kann da der Transfer gelingen?

Mehr dazu in
Teil 2: Fortbildung Systemisches Fundraising – Nach jeder Präsenzeinheit kommt das reale Leben…
und
Teil 3: Fortbildung Systemisches Fundraising – Schulung allein macht noch keinen Fundraisingaufbau…

Über Susanne Reuter

Susanne Reuter ist geschäftsführende Gesellschafterin der Zentrum für Systemisches Fundraising. Seit 2005 verbindet sie systemische Organisationsberatung mit Fundraising und führt die Methode Systemisches Fundraising in die Fundraisinglandschaft ein.

4 Gedanken zu „Erwachsene lernen anders

  1. Ausgezeichneter Text!
    R.M.Gagné teilt in seinem Buch “die Bedingungen des menschlichen Lernens” das “Lernen” in 8 Lernformen ein, die alle aufeinander aufbauen – vom Signallernen bis schließlich zum Problemlösen (dem eigentlichen Beginn des Denkens). Er schreibt u.a. “Problemlösen oder Entdecken ist nur der letzte Schritt in einer Lernfolge, die sich nach rückwärts über viele vorauszusetzende Lernergebnisse hin erstreckt, die ihm zeitlich vorausgegangen sein müssen.”

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