Macht die Kirchensteuer träge?


Mit Fundraising den Aufbruch in neue Dimensionen wagen.

© fotolia/Marco2811

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Die Kirchensteuer geht zurück. Das Geld wird weniger. Alles wird schwerer. Rote Zahlen, wohin wir auch schauen: So ist der Mainstream der Gespräche, Diskussionen und vor allem der Klagen über dieses Thema. Richtig ist, dass die Haushalte vieler Bistümer angespannt sind und immer angespannter werden. Ähnliches hört man auch von den evangelischen Schwesterkirchen. Wie kann das sein?

Stand der Dinge – einfaches Zahlenspiel

Richtig ist zwar, dass der Rückgang der Kirchenmitglieder natürlich Auswirkungen auf die relative Höhe der Kirchensteuern (KiSt) hat. Von einem absoluten Rückgang der Geldmenge kann aber, mit Ausnahme der frühen 2000er Jahre, kaum die Rede sein, sondern nur von einem Stagnieren bzw. leichtem Ansteigen auf hohem Niveau. Dieser Anstieg zeigt sich insbesondere in den letzten vier Jahren, und der wird sich zunächst noch einige Jahre fortsetzen.

Quelle: http://dbk.de/zahlen_fakten (kath.); www.kirchenfinanzen.de (ev.); www.kirchensteuer.de

Quelle: http://dbk.de/zahlen_fakten (kath.); www.kirchenfinanzen.de (ev.); www.kirchensteuer.de

Betrachtet man dagegen die Einkommensentwicklung (in der Grafik gelb markiert) bzw. die Lebenshaltungskosten (LHK), so konnten sich die Einkommen nur knapp über den LHK halten – sie sind in den 2000er Jahren sogar darunter gesunken. Die Grafik zeigt die absoluten Löhne (zur Vergleichbarkeit mit den KiSt), die Reallöhne (vermindert um die Preissteigerungen) sind bis 2012 stetig gesunken. Trotz guter Lohnabschlüsse halten die Kosten also weiter Schritt mit den Einkommen.

Anders bei der verfassten Kirche. Sieht man die Kirche als Wirtschaftsunternehmen, das als Dienstleister ein hochwertiges Angebot für seine Kunden aufrechterhalten will, so muss man angesichts der folgenden Zahlen feststellen, dass hier die Komfortzone und damit der Gestaltungsspielraum wächst – im Gegensatz zu der Situation der Lohnabhängigen, wo alle Lohnsteigerungen von den steigenden LHK aufgefressen werden.

Quelle: http://dbk.de/zahlen_fakten (kath.); www.kirchensteuer.de

Quelle: http://dbk.de/zahlen_fakten (kath.); www.kirchensteuer.de

Anders für Kirche: Bei KiSt-Einnahmen auf weiter hohem Niveau, aber deutlich sinkenden Mitgliederzahlen, steht eklatant mehr Geld pro Mitglied zur Verfügung – diese Entwicklung wird sich auch künftig fortsetzen. Hier ist zu sehen, dass selbst inflationsbereinigt die verfügbaren Mittel pro Kopf zügig steigen.

Dass dennoch die Klagen groß sind, liegt an der außerordentlichen Trägheit der verfassten Kirche, ihre Angebotsstruktur und vor allem ihren „Apparat“ diesen Bedingungen anzupassen. Tatsächlich müssten die Ausgaben der Kirche insgesamt mindestens stagnieren, eigentlich aber tendenziell sinken – gemessen an den Aufgaben im Verhältnis zur Zahl der Mitglieder.

Stand der Dinge – Geld ausgeben
© fotolia/Robert Kneschke

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Das über viele Jahrzehnte gewachsene Gefühl beim Umgang mit Geld in Kirche ist, dass es einen „Kuchen“ gäbe, der zu verteilen sei – und der jetzt seit vielen Jahren kleiner werde. In diesem Bild geht es zum einen darum, einen statisch gegebenen, irgendwie „vom Himmel“ gefallenen Kuchen zu verteilen – zum anderen immer nur darum, Geld auszugeben. Und nicht, aktiv daran zu arbeiten, den Kuchen größer zu machen.

Es gibt leider kein Bild davon, kein Organisationsgefühl dafür, etwas mit dem Generieren dieses Geldes durch seine originäre Tätigkeit zu tun zu haben. Doch ist der Kirchen“steuer“ertrag im Wesentlichen ein Produkt von (Kirchen)-Bindung und Erwerbsarbeit. Lässt man die Staatsleistungen für die verfasste Kirche, die wirklich nicht gering sind, außer Acht, kommt der Löwenanteil der Einnahmen von Menschen, die arbeiten und nicht aus der Kirche austreten.

Durch das System der „Steuer“ muss sich niemand darum kümmern, dass Menschen aktiv und bewusst eine Entscheidung treffen, ab einem bestimmten Punkt ihres Lebens Geld für die Kirche zu geben – über ihre Religionszugehörigkeit funktioniert das im deutschen Kirchensteuersystem „vollautomatisch“.

Nur nachlassende Bindung oder grobes Fehlverhalten auf Seiten der Kirche führen am Ende zu aktivem Austritt. Genau hier liegt aber die Komfortzone! Sie verhindert die massive Ausbildung der notwendigen, umgekehrten Perspektive, Menschen aktiv als Mitglied zu binden und Menschen aktiv als Mitglied zu werben. Das System funktioniert allerdings trotzdem, wie wir gesehen haben, weiterhin ausgesprochen ertragreich weiter. Kirche funktioniert also dezidiert ohne jegliches Bemühen, Menschen zu binden – ein Dialog und eine Kommunikation, die das zum Ziel hätte, wird bislang nicht als notwendig angesehen und ist deshalb völlig unterentwickelt.

So fehlt auch das Gefühl, sich die Einnahmen, die Kirchensteuer, ehrlich verdient zu haben. Etwas dafür geleistet zu haben. Einen Zusammenhang zu spüren und zu sehen, zwischen eigenem, persönlichen und institutionellem Aufwand und dem Ertrag.

Zukunftsbilder 1: Bindung aufrechterhalten

Um Bindung zu halten, womöglich in Bindung zu intensivieren, ist ein Perspektivwechsel notwendig – hin zu dem, den ich binden möchte. Wer und was ist dieser Mensch? Spätestens hier merken wir, dass wir, wenn überhaupt, kaum noch jemanden von all denen treffen, die Mitglied sind. Und auch die wenigen ein- bzw. zweistelligen Prozente von allen Mitgliedern, die es in die Veranstaltungen der Kirche zieht, sind eher eigenmotiviert, als dass sie auf ein Bindungssystem reagieren. Man könnte überspitzt spekulieren: diejenigen, die noch kommen, lassen sich durch keine Ungastlichkeit davon abhalten.

© fotolia/fotomek / Collage Thomas Schorr

© fotolia/fotomek / Collage Thomas Schorr

All die Wenigen aus dem Inneren der Kirchen, die sich auf den Weg machen, neue Formate von Bindung auszuprobieren und es ehrlich und ernsthaft meinen, beginnen, sich selbst zu verändern. Sie nehmen ein Stück weit gerne und mit Spass andere Perspektiven an – kein Wunder, dass dann Beziehungen vertieft werden können. Die Frage ist aber: kann das die Organisation Kirche als solche? Oder sind das singuläre, persönliche Formate die höchstens in kleinen Gruppen funktionieren? Wer und was könnte helfen, mehr solcher Erfahrungen zu sammeln?

Zukunftsbilder 2: Bindung neu entwickeln – Unternehmerische Pastoral

Das wäre die Kür – sich wirklich aufmachen in unbekanntes Land, das ja gar kein Neuland sein muss. Bevor Nichtgläubige christianisiert werden, wäre es an der Zeit, all die zu erreichen, die zwar noch nicht weg sind, aber Sonntags nicht da. Und bei den üblichen Verrichtungen der Kirchengemeinde auch nicht. Aber sie treten nicht aus. Und zwar in der überwiegenden Mehrzahl nicht. Noch nicht.

© fotolia/Brian Jackson

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Bevor also so schwierige Hürden überwunden werden müssten, wie Menschen zum Wiedereintritt oder überhaupt-erst-Eintritt zu bewegen sind (das lässt man dann lieber, weil zu schwer), wären Schritte zu den eigenen Fremden notwendig.

Wie geht das? Das weiß keiner so genau. Das muss man ausprobieren. Das geht überall, ganz sicher, anders.Da gibt es keine Pastoralfolie, die man lernt, weil sie richtig ist und dann anwendet.

Da muss man in kaltem, warmem, flachen, tiefen und undurchsichtigem Wasser schwimmen können. Keine Ahnung, was einem da alles begegnet. Aber Schwimmen zu können kann helfen.

Es braucht also Grundfähigkeiten, das schon. Aber vor allem Mut und den unbedingten Willen, Fehler zu machen. Machen zu können, und zu dürfen.

Was kann Fundraising dazu beitragen, zu ermutigen,
Schritte ins Ungewisse zugehen?

Fundraising ist per se unternehmerisch angelegt. Und gleichzeitig erfolgsorientiert. Das heißt, wir kennen und können Methoden, wissen aber nicht genau, ob sie in konkreten Projekten funktionieren. Da hilft es nichts, wir müssen das ausprobieren – und gleichzeitig tun wir dies alles mit dem unbedingten Willen, am Ende mehr Ertrag als Aufwand zu haben.

Wir generieren auf diese Art erhebliche quantitative Zuwächse an Unterstützern und Spendern, also an Menschen. In aller Regel legen wir eine Spur von guten Ideen, der Geld folgt und der die Vertiefung von Beziehung und vielleicht weiter Geld folgt – aber nicht nur. An dieser Schnittstelle könnte eine Pastoral, die unternehmerisch denkt, einhaken.

Quelle: http://www.bistum-dresden-meissen.de/aktuelles/archiv-2013/perspektivwechsel-in-chemnitz.html

Quelle: http://www.bistum-dresden-meissen.de/aktuelles/archiv-2013/perspektivwechsel-in-chemnitz.html

Wenn nämlich eine Perspektive bei Unterstützern entsteht, die selbst einen Zusammenhang zwischen dem, was sie erhalten und dem, was es kostet, herstellen, geben die Menschen gerne. Unsere Aufgabe ist dabei, wertschätzende Beziehungen aufzubauen – die nämlich das schätzen, was Menschen brauchen und bei uns suchen.

Dazu ist es natürlich notwendig, sich tatsächlich – im Sinne des Wortes – einzulassen. Materielle Unterstützung kommt dann letztlich, so unsere Erfahrung, von selbst. Wir stehen gerne zur Verfügung, dies gemeinsam auszuprobieren. Da, wo wir bereits die Gelegenheit dazu haben, können wir resümieren: es funktioniert. Es macht mehr Spass, als Ärger (den es natürlich ! auch gibt). Und es gibt ein Gefühl von neuen, ungeahnten Möglichkeiten – es geht vorwärts!

Über Klaus Heil

Klaus Heil ist Leiter des Fundraisingbüros der Diözese Hildesheim, einer bundesweit tätigen Agentur für Fundraising und Organisations-entwicklung. Das Fundraisingbüro ist zentraler Kooperationspartner des Zentrums für systemisches Fundraising.

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