Täglich grüßt das Murmeltier… – Oder: Warum wir uns manchmal im Kreis drehen.


Kennen Sie das?
Seit einiger Zeit versuchen Sie, etwas zu bewegen. Sie engagieren sich, sammeln Argumente, tauschen sich aus, wiederholen Ihre Argumente, erläutern Sie noch einmal und noch einmal. Gleichgesinnte finden sich, bestärken Sie in Ihren Gedanken, teilen den inzwischen wachsenden Unmut und die aufkeimende Ungeduld. Der Leidensdruck wächst. Jetzt reicht’s! Es muss etwas geschehen – aber was? Sie finden noch mehr Gleichgesinnte und tauschen Argumente aus. Mehr vom Gleichen und immer engagierter, vielleicht auch langsam etwas wütender?

Was geschieht da eigentlich? Und warum geht es nicht über das immer Gleiche hinaus?
Um solche Phänomene besser zu verstehen, kann man das Drama-Dreieck nach S. Karpmann aus der Transaktionsanalyse gut auf die Muster, die sich hier abzeichnen, übertragen. Es setzt nämlich nicht bei den zur Debatte stehenden Sachthemen an sondern schaut hinter die Kulissen: Das Drama-Dreieck beschreibt die Beziehungsmuster zwischen Personen oder Personengruppen. Die nehmen darin in der Regel drei Rollen ein und das wechselnd. Karpmann spricht von drei Rollen: „Opfer“, „Täter“ bzw. „Verfolger“ und „Retter“. Im Modell des Dramadreiecks wird der Zusammenhang dieser Rollen beschrieben, und wie sie oft reihum gewechselt werden.

Das Dramadreieck ist ein psychologisches und soziales Modell:
Menschliche Verhaltensmuster, die nachvollziehbaren, aufgedeckten oder unbewussten Regeln folgen, werden in der Transaktionsanalyse „Spiel“ genannt, obwohl sie für die Betroffenen sehr ernst sein können. Zwischen den Spielern gelten „Regeln“ der Rollenerwartung, die durch die Wahl einer Rolle vom Rollenträger unwillkürlich befolgt werden. Dabei übernehmen die Beteiligten diese Rollen aus der inneren Notwendigkeit des Musters heraus, sie „spielen“ diese Rollen (sie „sind“ nicht die Rollen). Gleichzeitig ist das Rollenverständnis der Rollenträger von der eigenen Grundhaltung sich selbst und dem anderen gegenüber geprägt (in der Abbildung mit „Ich“ oder „Du“ und den entsprechenden Ausprägungen gekennzeichnet).

Kein Anfang – aber auch kein Ende – so scheint es…
Im Dramadreieck gibt es keinen festen Anfang oder Einstieg und auch kein feststehendes Ende. Ebenso schnell können sich die eingenommenen Positionen wieder verändern. Häufig ist in diesem Rollenwechsel nicht mehr klar, wer eigentlich für was verantwortlich ist und womit es angefangen hat.

Sachlichkeit, Ziel und Aufgabe – alles verschwindet in diesem dramatischen „Bermuda-Dreieck“. Zurück bleibt das dynamische und verwirrende, offene oder (häufiger) verdeckte Hin- und Herschieben von Verantwortung, Schuld, Ärger, Wut, Enttäuschung und Ohnmacht. In der Regel geschehen diese Dynamiken unbewusst und zählen zu den „blinden Flecken“ der Beteiligten, die in den Mustern „verfangen“ sind. Sie empfinden zwar Unbehagen und einen gewissen Leidensdruck, können aber die tieferen Ursachen und ihren eigenen Beitrag nicht klar erkennen.

Viele (lang) andauernde und/oder wiederkehrende Muster in scheinbar stagnierenden oder als unproduktiv empfundenen Vorgängen lassen sich mit diesem Modell verstehen:

  1. Das „Opfer“ (als Bild für die Rolle) ist die Person oder Einheit, der etwas vorgeworfen wird, die für etwas verantwortlich gemacht werden soll oder für andere etwas erdulden muss. Das „Opfer“ selber übernimmt diese Rolle, das heißt empfindet sich selber als Opfer und betrachtet die anderen Personen entweder als Verfolger oder als Retter. Sich als Opfer fühlen heißt: Die anderen sind verantwortlich dafür, dass es mir so (schlecht) geht. Ich selbst kann an meiner Situation nichts ändern. So gibt das Opfer die Verantwortung für die Folgen seines (Nicht-)Handelns an andere ab.
  2. Der Retter ist die Person oder Einheit, die helfend aktiv wird und oft gleich die gesamte Verantwortung für die Situation und deren „Lösung“ übernimmt, oder vom „Opfer“ in dieser Rolle gesehen und mit entsprechenden Erwartungen belegt wird. Der Retter erkennt den scheinbaren Lösungsweg oder soll ihn als Experte kennen. Er versucht, dem Opfer zu helfen oder beizustehen bzw. es wird von ihm erwartet, dass er dies tut. Je nach Überzeugungskraft oder Kraft der Projektion scheint der Retter die Situation für eine Weile zu beherrschen bzw. wird dies wie selbstverständlich von ihm erwartet: Er soll die anderen auf die richtigen Wege führen, bzw. er verführt die anderen dazu, seine Wege zu gehen…
  3. Der Verfolger ist derjenige, der dem Opfer aktiv nachstellt, es „strafen“ oder zur Rechenschaft ziehen will. Gleich wie der Retter, scheint auch der Verfolger genau zu wissen, was es braucht. Seine Idee von Lösung wird er mit Härte und Hartnäckigkeit durchzusetzen versuchen.

 

Sich verbünden klappt immer…
In komplexen Situationen bzw. Konflikten (latente oder offene) kann es zur (unbewussten) Verbündung mit einer der anderen Rollen kommen. Als Berater beobachten wir häufig die Situation, dass Projektgruppen oder -leiter versuchen sich mit uns „gegen“ ein anscheinend starres internes Beharrungssystem zu verbünden, um aus einer vermeintlich durch „Experten“ gestärkten Position heraus noch intensiver in die Verfolgerrolle einzusteigen…

Der Ausstieg aus dem Drama und aufgabenorientiertes Fragen und Verhalten

  • Gibt es eine definierte Aufgabe (oder wird Karussell gespielt)?
  • Ist mir die Aufgabe klar?
  • Bezieht sich mein (Rollen-) Verhalten auf die Aufgabe?
  • Gibt es eine Einladung zur Erfüllung der Aufgabe (oder nur Köder)?
  • Habe ich die Mittel, die Aufgabe zu lösen?
  • Fühle ich mich gleichwertig, minderwertig oder besser als die anderen und womit hat das zu tun? (siehe Grundhaltungen der Rollenträger. Die Transaktionsanalyse geht davon aus, dass sich die Transaktionen stabilisieren lassen, wenn es den Beteiligten gelingt, zu einer „Ich+ / Du+“-Grundhaltung* zurückzufinden, also weder in eine Ab- noch in eine Aufwertung der eigenen Person oder der anderen Beteiligten zu gelangen.)
  • Welchen Nutzen habe ich davon, wenn es so bleibt, wie es ist?
  • Wofür übernehme ich wie viel (Selbst-)Verantwortung?
  • Ich konzentriere mich auf die Aufgabe und fordere den anderen auf, seine Aufgaben zu erfüllen.
  • Ich kenne die Aufgabe und ich kenne meine Interessen, Bedürfnisse und Absichten (auch die nicht erfüllbaren).
  • Ich habe für mich klar, was zur Aufgabenebene und was zur Beziehungsebene gehört.
  • Wenn die zentrale Aufgabe vernebelt und die Dynamik zunehmend verwirrend wird, mache ich die Beziehungsebene zum Thema (Metadiskussion) oder decke das Spiel behutsam auf (Abwehr).
  • Wenn dies nicht gelingt, steige ich aus dem Gespräch aus und warte bis die Beteiligten sich wieder der Aufgabe widmen können.

* „Ich bin ok. – Du bist ok“, Thomas A. Harris#

Dramadreieck

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Über Susanne Reuter

Susanne Reuter ist geschäftsführende Gesellschafterin der Zentrum für Systemisches Fundraising. Seit 2005 verbindet sie systemische Organisationsberatung mit Fundraising und führt die Methode Systemisches Fundraising in die Fundraisinglandschaft ein.

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