Stolperstein Verantwortungskultur in der eigenen Organisation: Ein „heißes Eisen“ für Fundraiser?


Erinnern Sie sich an, „Dramadreieck“, „Wasch mir den Pelz…“ oder „Umgang mit Widerstand“? In diesen Beiträgen haben wir aus verschiedenen Perspektiven die oftmals herausfordernden Situationen beschrieben, vor denen Fundraiserinnen und Fundraiser in ihrem internen Umfeld stehen. Der gemeinsame Nenner dieser und artverwandter Themen ist das Metathema Verantwortung.

© thingamajiggs - Fotolia

© thingamajiggs – Fotolia

Wie das?

Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass in einer Organisation und innerhalb ihrer Strukturen jeder weiß, für was er oder sie Verantwortung trägt und wofür nicht. Und ganz klar: Fundraiser sind verantwortlich dafür, dass die Ergebnisse stimmen, also der Spendenkontostand den Erwartungen entspricht. Falls man die Erwartungen kennt. Was bedeuten würde, dass Ziele miteinander vereinbart werden und somit die Aufgaben- und Rollenverteilung geklärt sind und eben auch, wer an welcher Stelle für was Verantwortung trägt.

So weit, so gut – aber…

Wenn das Wörtchen „aber“ nicht wäre, könnten wir unseren Beitrag hier schon beenden. Leider klafft aber in der Realität oft eine Lücke zwischen dem, was allen selbstverständlich erscheint und dem tatsächlichen Verhalten der Betreffenden. Der entscheidende Unterschied ist, ob jemand der Verantwortung trägt, sie auch tatsächlich übernimmt. Und ob derjenige, der sie nicht zu tragen hat, Verantwortung an passender Stelle angemessen einfordert (womit wir gleich auch das zweite Metathema „Selbstverantwortung“ ins Spiel bringen). Wie halten Sie es in Ihrem Berufsalltag?

Das Unbehagen oder andere verantwortlich machen

© absolutimages - Fotolia

© absolutimages – Fotolia

Leider ist dieses Phänomen sehr häufig zu beobachten. In Coachings oder Beratungsgesprächen landen wir oftmals bei der Frage, in wie weit Verantwortlichkeiten sowohl klar geregelt bzw. ausgehandelt sind als auch im Fundraising-Alltag gelebt werden, also zum Tragen kommen. Immer wieder stellt sich heraus, dass genau dies der springenden Punkt des Problems ist. Und dass es an Handlungsmustern fehlt, dieses Problem anzugehen. Man stochert im Nebel des eigenen Unbehagens und spürt, dass auch die anderen unzufrieden sind. Doch das führt häufig zu einer Art – ausgesprochenem oder verdecktem – Ping-Pong von gegenseitigen Schuldzuweisungen und Verantwortungsverschiebung. So entwickelt sich schließlich ein Teufelskreis, der sich unablässig dreht. In der Fachsprache heißt das: es bilden sich dysfunktionale Muster aus, die es zu durchbrechen gilt. Um einen Durchbruch zu schaffen, ist es hilfreich, sich die Dimensionen der Verantwortung in seinem beruflichen Umfeld zu verdeutlichen.

Die vier Dimensionen eines Verantwortungssystems

Der systemische Organisationsberater Bernd Schmid  hat die nachfolgenden Abbildungen zur Verfügung gestellt und sagt dazu sehr treffend: „Die zunehmenden Anforderungen an die Ausrichtung und das Zusammenspiel von Prozessen erfordern heute eine wesentlich intensivere wechselseitige Abstimmung zwischen den handelnden Personen und der Organisation. Die Qualität dieses Zusammenwirkens kann dabei immer weniger allein strukturell durch Zuständigkeiten definiert werden, sondern muss situativ immer wieder neu hergestellt werden.“ Den erläuternden Artikel dazu wollen wir an dieser Stelle unbedingt als weiterführende Lektüre empfehlen

 

 

 

 

 

 

Verantwortung in einer Organisation funktioniert immer komplementär

Was hat das jetzt alles mit mir als FundraiserIn zu tun?

An dieser Stelle kommt, wie oben gesagt, die Selbstverantwortung ins Spiel. Als erstes stünde sicherlich, einmal ganz genau hinzuschauen, in sich hineinzuhören: Ist bei mir/bei uns alles im grünen Bereich in Sachen Verantwortung? Oder spüre ich ein – vielleicht auch nur diffuses – Gefühl des Unbehagens? Dann empfehlen wir den Selbstcheck von Schmid/Messmer:

  1. Anerkennen des Unbehagens: Fühle ich mich klar und zuversichtlich bezüglich eines Vorhabens, einer Verabredung, einer Aufgabe, eines Auftrages? Wenn nicht, wie und bei welchen Gelegenheiten zeigt sich Unbehagen? Wie kann ich es in Worte, in Bilder fassen?
  2. Verorten des Unbehagens: Worin besteht das Unbehagen? Wohin gehört es? Hat es mit Verantwortungsstörungen zu tun? Welche funktionalen Änderungen würden es beseitigen?
  3. Verbindung mit Verantwortung herstellen: Wer hat welche Verantwortung bezogen auf das, was Unbehagen erzeugt? Das Unbehagen muss in Verantwortungsdefinitionen umgewandelt werden: Um welche Dimensionen von Verantwortung geht es?
  4. Reflektieren der Beweggründe: Was sind mögliche Beweggründe für Verantwortungsvermeidung? Worüber sollte mit wem gesprochen werden?
  5. Selbsthilfestrategie definieren: Notfalls müssen auch einseitige Maßnahmen zum Selbstschutz ergriffen werden, damit das Unbehagen nicht bei den Falschen hängen bleibt. Gibt es diese Möglichkeit? Zu welchem Preis?
  6. Die Übertragung von Unbehagen zu Verantwortlichen planen: Dies klingt ein bisschen vermessen, insbesondere, wenn die Verantwortlichen schwer erreichbar sind und viel mehr Macht haben. Dennoch ist es wichtig, zumindest Drehbücher für solche Inszenierungen schreiben zu können. Oft hilft auch, sich hierzu ein Coaching zu gönnen.

Nach dem Selbstcheck: Überlegen – und dann handeln

Der selbst initiierte Erkenntnisgewinn ist im Grunde schon die halbe Miete, weil alles mit der Übernahme der Selbstverantwortung beginnt. Also nicht abwarten, bis und erwarten, dass die anderen (der Chef, die Chefin, andere Leitungspersonen oder auch KollegInnen) die Initiative ergreifen, weil doch sie eigentlich dafür verantwortlich sind! Reinhard K. Sprenger  sagt dazu: „Führungskräfte sind nicht dafür da, andere an die Hand zu nehmen und zu den Lösungen zu führen, sondern dafür, die Bedingungen der Möglichkeit von Selbstverantwortung zu schaffen. Je mehr Verantwortung dem Einzelnen abgenommen wird, desto weniger Selbstverantwortung wird sich entwickeln. […] Selbstverantwortung ist die Voraussetzung für Commitment.“ Und: „Aber offenbar hat es Vorteile, auf Selbstverantwortung zu verzichten. Denn die Frage bleibt: Warum tun das so viele? Die kürzeste Antwort lautet: weil Leiden leichter ist als Handeln. Weil man passiv bleiben kann. Weil man einen Jammerzirkel gründen kann.“

Verantwortung zu übernehmen oder einzufordern bedeutet zu allererst, selbst aktiv zu werden…

…und wenn es zunächst „nur“ die Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Haltung ist. Ob dann ein nächster Schritt in Richtung anderer Beteiligter gegangen wird und wie man den mit Fingerspritzengefühl angeht, ist erst die zweite Stufe. Eine dritte Stufe wäre, sich gemeinsam zu überlegen, wie die Verantwortungskultur in der Organisation insgesamt verbessert oder entwickelt werden könnte. Wenn aber der ursprüngliche Auslöser, also das Unbehagen sehr intensiv ist und schon länger anhält, empfiehlt sich auf jeden Fall Beratung durch Dritte, sei es von Kollegen (wenn sie nicht selbst befangen sind) oder die Arbeit mit einem Coach.

Letztendlich geht es auch hier um Kommunikation

Verantwortung zu übernehmen heißt aber auch, die Fähigkeit zu entwickeln, angemessen über Verantwortung und Verantwortungskultur zu kommunizieren, also Techniken zu erlernen, wie man ein „heißes Eisen“ gut anpacken kann – das dürfte eine Fähigkeit sein, die FundraiserInnen eigentlich liegen müsste…

Über Susanne Reuter

Susanne Reuter ist geschäftsführende Gesellschafterin der Zentrum für Systemisches Fundraising. Seit 2005 verbindet sie systemische Organisationsberatung mit Fundraising und führt die Methode Systemisches Fundraising in die Fundraisinglandschaft ein.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>