Vertraue deiner Intuition!


Diesen Ausspruch habe ich seit meiner Ausbildung zur systemischen Organisationsberaterin immer noch im Ohr. Mein damaliger Lehrer und Mentor Prof. Dr. Eckard König rief ihn mir jedes Mal zu, wenn ich mir meiner Sache im Training oder in der Reflexion von Beratungsprozessen unsicher war.

Was heißt das: der Intuition vertrauen!?

Muss ich denn nicht vor allem mein Handwerk beherrschen und mir immer der richtigen Methoden zum richtigen Zeitpunkt bewusst sein? Also mir irgendwie selbst im Nacken sitzen und stets kontrollieren, ob ich das alles jetzt fachlich richtig mache: Schritt Eins bis Sieben zum Erfolg…?

Nein. Genau das heißt es nicht. Zumindest nicht für mich. Mich macht das kirre und es führt dazu, dass ich total angespannt und gehemmt bin. Dann agiere ich nicht mehr authentisch, sondern frage mich ständig, ob ich das jetzt richtig mache oder denke… So können keine Kreativität und kein Freiraum für Neues oder Unerwartetes entstehen. Das wird zu einem Käfig, der enge Grenzen setzt.

Ein Beispiel aus der Praxis:
Uns als angehende, lernende Berater wurden immer wieder die vier Phasen eines Beratungsprozesses* „eingetrichtert“ (üben, üben und nochmals üben) – aber jedes Mal, wenn ich mich ganz bewusst genau darauf konzentrierte, verhedderte ich mich in der Beratung und verlor den Kontakt zu denjenigen, die ich eigentlich beraten sollte und zu der Problemstellung, die im Raume stand. Mein Lehrer beobachtete das und rief mir zu: „Sch…. auf die vier Phasen – vertrau auf deine Intuition!“ – Also von vorne. Und nicht daran gedacht, einfach gemacht. Im Beratungsprozess mich auf die anderen, die Fragestellungen konzentriert und meiner Intuition gefolgt. Ergebnis: Die Phasen des Prozesses wurden ganz natürlich und vollkommen korrekt durchlaufen.

„Wenn man nur die Reihenfolge der Schritte bewusst einhält, wie vorgeschrieben, dann macht man alles richtig, dann wird es am Ende gut!“

Für manche ist das eher beruhigend und es macht sie sicher. Aber andererseits geschieht dabei im Zweifel – nichts. Oder nicht viel. Oder eben nicht viel Neues… Das wird schnell zu Routine und ist der Einstieg zum „Mehr vom Gleichen“…

Welche Rolle spielt da jetzt die Intuition? Eine wichtige, denn wie oft überhören wir die „innere Stimme“, handeln stattdessen vermeintlich nach Lehrbuch, obwohl diese Stimme uns etwas anderes eingibt? „Innere Stimme“, „Bauchgefühl“, „Eingebung“, „Erleuchtung“, „ich hatte da so eine Ahnung…“, „mein Instinkt sagt mir eigentlich…“ – all dies sind Synonyme für das, was die Intuition ausmacht.

Die Intuition birgt in großen Teilen unser informelles Wissen.

Damit sind jene Kompetenzen gemeint, die jede und jeder außerhalb traditioneller Einrichtungen der Wissensvermittlung wie Schule, Betrieb oder Bildungsakademie erwerben. Solche informellen Lernorte sind zum Beispiel das Elternhaus, die eigene Familie, der Freundeskreis oder das ehrenamtliche Engagement in gemeinnützigen Organisationen. Auch beim Ausüben unserer Hobbys lernen wir informell. Das funktioniert unabhängig davon, um welches Thema es geht, ob wir uns also mit Sport, Gesundheit, Gartenarbeit oder mit der Briefmarkensammlung beschäftigen.

Selbst im Berufsleben erwerben wir Kompetenzen, die uns oft gar nicht bewusst sind, weil sie über unseren aktuellen Arbeitsplatz hinausweisen. Es geht also um alle Fähigkeiten und Fertigkeiten – sogenannte Soft Skills –, die wir uns im Laufe unseres Lebens aneignen. Davon ist uns ein gutes Drittel gar nicht bewusst. Dieser nicht wirklich bezifferbare Anteil unseres Wissens ist aber vorhanden und zwar latent in Form mentaler Strukturen. Und er ist bei Bedarf abrufbar.

Was heißt das jetzt?

Vertraue darauf, dass du mehr weißt und kannst, als dir in Prüfungen, Zeugnissen, Referenzen oder Personenzertifikaten attestiert wird bzw. jemals attestiert werden könnte. Höre auf deine innere Stimme:

  • Wenn du dir unsicher bist, ob du überhaupt eine hast: Du hast sie!
  • Wenn du dir unsicher bist, ob sie dir wirklich hilft: Probiere es aus – zu Beginn vielleicht in weniger komplexen Situationen, wo es nicht so darauf ankommt, was am Ende dabei herauskommt.
  • Wenn du glaubst, sie nicht (richtig) hören zu können: Übe, übe, übe. Eventuell helfen Entspannungstechniken, Meditation, Pausen, Spaziergänge, mit sich allein sein, um ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die innere Stimme Gehör verschaffen kann.
  • Wenn du argumentierst, dass sie dir „nur Mist“ erzählt: Dann übst du gerade, also hier und jetzt Widerstand. Natürlich kann auch mal was schiefgehen, wenn man seiner Intuition vertraut – das liegt dann aber nicht zwangsläufig nur an deiner Intuition…
  • Sammle Erfahrungen und werde sicherer in der Zusammenarbeit mit deiner inneren Stimme. Eventuell arbeitest du mit/an deinem „Inneren Team“ – wer sich damit noch nicht auskennt, beginnt mit einem Kennenlernen

Über Susanne Reuter

Susanne Reuter ist geschäftsführende Gesellschafterin der Zentrum für Systemisches Fundraising. Seit 2005 verbindet sie systemische Organisationsberatung mit Fundraising und führt die Methode Systemisches Fundraising in die Fundraisinglandschaft ein.

4 Gedanken zu „Vertraue deiner Intuition!

  1. Hallo Susanne,
    in meinem beruflichen Umfeld der Arbeitsberatung spielt die Intuition eine sehr große Rolle, auch wenn sie in Lehrkonzepten des Beratungsprozesses keine Erwähnung findet. Darum arbeite ich an einem Blogbeitrag, der die Intuition fokussiert und bin in diesem Zusammenhang auf Deinen Beitrag gestoßen. Vielen Dank für die anregenden Worte …
    Grüße
    Michael

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>