Dialog, Dialog, Dialog!

Wie kommt Neues in die Welt des immer Gleichen?


Fundraising-Kongress 2014 – Nachbetrachtungen

War da etwa eine Palastrevolution im Gange? Nicht erst seit der letzten Mitgliederversammlung vor genau einem Jahr brodelt es im engagierten Teil der Mitglieder. Der Ruf nach Veränderungen im Deutschen Fundraising Verband (DFRV) ist nicht mehr zu übergehen überhören. Nach dem Motto „selbst ist das Mitglied“ nehmen einige Mutige das Herz in die Hand und fangen an. Kein leichter Weg, wie wir dann hinter den Kulissen vor dem und beim Deutschen Fundraising Kongress 2014 beobachten dürfen. Da wird mit allen Mitteln gekämpft – aber wofür (oder wogegen) genau eigentlich…?

Egal, jetzt ist der neue Vorstand gewählt!
Nach den Vorstandswahlen: Das neue Team steht!

©Christoph Müllerleile

Glückwunsch an die beherzten KollegInnen – wir halten die Daumen, dass mit ihnen Neues kommen kann und darf. Unterstützung werden sie bekommen. Das ist ein wichtiges Ergebnis des sogenannten „Sonderworkshops zur Gegenwart und Zukunft des Deutschen Fundraising Verbandes“.

Sonderworkshop?!?

Klingt wie „Sonderschule“, wie etwas, das Abseits geschieht für problematische oder schwierige Leute, die irgendwo in der Zurückgezogenheit ihre Renitenz austoben können, wenn’s denn nicht mehr verhindert werden kann… Jedenfalls war der Workshop kein offizieller Teil des Kongress-Programms, und das mit allen logistischen Konsequenzen wie zum Beispiel dem Problem der leider nicht unkomplizierten Anmeldung. Über die Website des Kongresses ging‘s jedenfalls nicht. Also nix mit nur „ein Klick und Sie sind dabei“! Das finden wir schade, denn wie sich schnell gezeigt hat:

Der Workshop war ein Volltreffer!
Dialog auf Augenhöhe

slides@cs-photodesign.com

Dazu sagen wir: Neues, das in die Welt kommen will, kann man nicht wirklich aufhalten. Wenn es „dran ist“, bahnt es sich – so oder so – seinen Weg. Je mehr Widerstände, umso renitenter. Plötzlich entwickelt es eine unaufhaltsame Dynamik und Kraft. Wenn dann noch Geburtshelfer in der Nähe sind, ist dem kein Kraut mehr gewachsen. Woran man das merken konnte? Als wir Moderatoren Jörg Eisfeld-Reschke, Tom Neukirchen und ich uns kurz vorher zur Detailplanung trafen, waren es gerade mal 25 Anmeldungen. Ganze drei Tage vor Beginn der Veranstaltung wurden uns 40 gemeldet, schließlich saßen im Workshop selbst zeitweise über 50 Menschen. Und alle Steine, die uns logistisch vor Durchführung in den Weg gelegt wurden, konnten mit vereinter Kraft weggestoßen werden, egal ob es die Raumfrage war oder der Kampf um die Erlaubnis, Flipcharts an die Wände hängen zu dürfen.

Das Neue bahnt sich den Weg, wenn es dran ist – kannste nix machen!

Vor allem dann nicht, wenn es vielen gleichzeitig unter den Nägeln brennt. Das hat der Perspektivworkshop mehr als deutlich gezeigt. Als Begleiterin der Open-Space-Phase konnte ich hören, sehen, geradezu fühlen, wie engagiert und aus tiefstem Herzen diskutiert wurde. Ein Novum stieg aus der Asche – viele haben es später direkt oder indirekt ausgesprochen: Wir sprechen richtig miteinander. Auf Augenhöhe. Wir erkennen einander, beginnen zu verstehen. Wir tauschen uns aus, auch über Diskrepanzen. Wir können Unterschiede stehen lassen und freuen uns über große Gemeinsamkeiten. Wir.

Huch – was war das denn?

Haben wir da WIR gehört, gespürt, erlebt? Wie kann das denn sein nach so vielen Jahren Partikular-Interessen, Zoff auf Mitgliederversammlungen, Lästerei (öffentliche oder hinter dem Rücken der Leute), innere und offizielle Kündigungen, gegenseitiges Bekämpfen und Behindern, … , … , …?!? Ja, tatsächlich ist dieses viel beschworene Wir-Gefühl entstanden, und wenn das nicht etwas Neues ist, dann aber sicherlich der „Spirit“ oder die „Energie“ während des Workshops insgesamt. Vergleichen wir das doch einmal mit der Mitgliederversammlung (MV) am Freitag, und diejenigen, die beide Veranstaltungen erlebt haben, werden erkennen, was der Unterschied ist.

Was macht denn den Unterschied aus?

Klingt jetzt sicher komisch – ist aber so: Es liegt nicht an den Inhalten. Was mindestens so wichtig, wenn nicht noch wichtiger ist, sind diese Aspekte:

  1. Das Design der Veranstaltung insgesamt.
  2. Die minutiöse Vorbereitung durch Antizipieren der möglicherweise aufkommenden Dynamik.
  3. Ein entsprechendes dramaturgisches Mikrodesign.
  4. Der Raum.
  5. Die Sitzordnung (Podest – „oben“, Auditorium – „unten“, Bestuhlung: wie viele Leute saßen dir im Rücken/Nacken?).
  6. Die innere Haltung der Anwesenden (man sagte mir, dass diese MV harmlos gewesen sei im Vergleich zu vorherigen, dennoch verursachte die eine oder andere Situation und das Verhalten von manchen RednerInnen und ZuhörerInnen bei mir Verwunderung).
  7. Die Gesprächskultur und überhaupt die Kultur des Miteinanders.
  8. Der echte Dialog auf Augenhöhe.

Das sind vielleicht alles auch Gründe, weshalb viele die Seminare am Kongress-Donnerstag nicht als wirklich bereichernd und weiterführend erleben.

Ok, aber nicht alle Ergebnisse des Workshops waren so wirklich neu…

…sagte jemand in der Abschlussreflektion, und es klang wie „haben wir doch vorher gewusst“. Das wird auch so sein. Aber es war und ist eine gefühlte, individuelle, subjektive Realität. Auch wenn die Anregungen – und da waren durchaus auch noch nicht gedachte oder gehörte dabei – manchen Ohren oder Augen irgendwie bekannt vorkamen, so wurden sie noch nie so systematisch, so dialogisch oder auf eine gemeinsame Perspektive hin zusammengetragen. Allen Anwesenden war klar, dass es jetzt darum gehen musste, Ideen und Vorschläge zu finden, die den DFRV einen Schritt nach vorne bringen. Und nicht nur das: Allen war klar, dass ein neuer Vorstand diese Visionen und Empfehlungen nur dann umsetzen kann, wenn er

Unterstützung aus der Mitgliedschaft

bekommt, die mehr ist als das, was bislang praktiziert wurde. Nicht mengenmäßig, denn es gibt viele, die sich enorm engagieren. Sondern qualitativ. Und damit meinen wir vor allem eine veränderte innere Haltung hin zu mehr Wohlwollen statt überkritischem Fokussieren auf Fehler oder Besserwisserei, mehr Rückendeckung statt Forderungen und unerfüllbare Erwartungen, mehr Konstruktivität statt Mäkelei und Vorwurf (siehe hierzu auch unseren Beitrag zum „Drama-Dreieck“).
Wenn ich eine Idee habe, wie man es besser machen könnte, was kann ich dann dazu tun, dass es geschehen kann? Ein gutes Beispiel haben wir dann doch noch in der MV erlebt: Nach massiver Kritik an einem Pressetext hat sich dieses Mitglied mit seiner Expertise im Bereich Presse- und Lobbyarbeit bereit erklärt, dem Vorstand redaktionell zu helfen. Das darf ja ruhig auch punktuell oder eng projektbezogen sein, Hauptsache man trägt mit der eigenen Kompetenz etwas bei, statt zuzuschauen und dann rumzumeckern, was alles schlecht ist.

Wie kommt Neues in die Welt?
Dialog, Dialog, Dialog!

Unter den Mitgliedern vom Deutschen Fundraising Verband bringt jede/r Kompetenzen mit und gerne ein.

In dem man es zulässt, das heißt, wenn man sich selbst und alle Türen öffnet, damit es hereinkommen kann. Wenn ich doch weiß, dass sich das Neue sowieso seinen Weg bahnt, warum gebe ich dem dann nicht bewusst und absichtlich Raum, statt es mit allen Mitteln verhindern zu wollen? Angst vor Kontrollverlust?
Was spricht dagegen, das Workshop-Format vom 02. April 2014 zu wiederholen und alle Mitglieder regelmäßig zum Dialog einzuladen. Diese Gruppe hat sich komplett selbst gesteuert im Dienst der gemeinsamen Sache. Und Bereitschaft zur Mitwirkung, Wir-Gefühl, Unterstützung aus der Gemeinschaft, neue Ideen, konstruktives Feedback – all diese Schätze kann man nur so heben. Eine Mitgliederversammlung nach dem bislang angewandten Prinzip wird das niemals leisten können – ehr im Gegenteil: sie ist und bleibt ein stetes Risiko, diese Schätze nicht zu finden oder sie sogar zu zerstören!

Ja, aber: Wer soll das bezahlen?

Fragen sich jetzt bestimmt einige. Die Kosten sind übersichtlich – ich weiß wovon ich spreche. Aber wir sind doch FundraiserInnen, oder nicht? Warum also stellen wir nicht den Return gegenüber: Ein solches Format ist ein mächtiges Instrument zur Mitgliederbindung und Engagementsförderung und Verbandsentwicklung – was will man mehr?! Das darf ruhig ein paar Euros kosten, weil sie gut investiert sind. Und ich werde mich – wenn es ein nächstes Mal gibt – gerne wieder ehrenamtlich als Mitgestalterin einsetzen.

Über Susanne Reuter

Susanne Reuter ist geschäftsführende Gesellschafterin der Zentrum für Systemisches Fundraising. Seit 2005 verbindet sie systemische Organisationsberatung mit Fundraising und führt die Methode Systemisches Fundraising in die Fundraisinglandschaft ein.

6 Gedanken zu „Wie kommt Neues in die Welt des immer Gleichen?

  1. Ein wesentlicher Teil des Erfolgs dieser Veranstaltung lag in der sorgfältigen und professionellen Vorbereitung und Moderation dieser Veranstaltung. Das was “state of the art” und dafür möchte ich Susamnne, Jörg und Tom ausdrücklich danken!

    1. Hallo Tyark Thumann, herzlichen Dank für das schöne Feedback – ich fühle mich geehrt, weil du benannt hast, worauf es mir unbedingt ankommt und worauf ich meine Professionalität immer wieder kritisch überprüfe. Dass diese Rechnung aufgegangen ist, freut mich, freut uns umso mehr! Merci.

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