Kairos vs. Best Practice

Oder: Warum Ergebnis nicht gleich Prozess ist

Best Practice: Schritt1 bis 3 zum Erfolg!? Fotolia-©-dizain

Vor kurzem bin ich mal wieder meiner eigenen Branche fremd gegangen und habe einen Kongress besucht, von dessen Existenz ich bis dato nichts wusste. Auf die Idee hat mich der Organisationsberater und Gründer der Beratergruppe “all in one spirit” Matthias zur Bonsen mit seinem Newsletter gebracht. Der Titel des Kongresses hat mich gleich gepackt: „Kairos – den Wandel gestalten“.

Rückblickend kann ich sagen: Da war Kairos im Spiel!

Schon der Vortrag „Wie kann es wirklich gehen? Der Kairosweg zur lebendigen Organisation“ hielt ergiebige Einblicke und Erkenntnisse bereit. Wir kennen das im Fundraising ja auch: das Interesse an Organisationen, die Vorreiter sind in der Anwendung neuer Tools und Strategien. Sie sollen uns als Best-Practice-Beispiele zeigen, wie es geht. Ihr Beispiel soll uns inspirieren!

Einmal begeistert, soll alles genau so umgesetzt werden: erfolgreiches Online-Fundraising, effiziente Automatisierung, glücksverheißende Großspendenakquise, und so weiter.  Aber nur die wenigsten merken, dass eigentlich eine Gefahr von diesen Vorreitern ausgeht. Plötzlich wollen alle die neuen Praktiken der anderen, durch unübersehbare Hypes auf Branchentreffen und in Kongressformaten fühlen sie sich bestärkt. Doch vergebliche Versuche folgen, das Neue mit den alten mechanistischen Methoden einzuführen, getreu dem Motto: Mehr vom Gleichen. Matthias zur Bonsen rief zu Recht ins Auditorium:

„Mit Chronos statt Kairos! Ein Weg,
der zum Scheitern verurteilt ist.“

Chronos: Zeit ist ein Konstrukt unserer Gedanken. Fotolia-©-Brian-Jackson

Wir hören immer wieder den Ruf nach Best-Practice-Beispielen. Insbesondere bei unseren Fortbildungsveranstaltungen beschweren sich Teilnehmende über unsere hartnäckige Weigerung, eine Best-Practice-Einheit anzubieten. Was kann man denn dagegen haben, von anderen zu lernen? Man muss doch die Fehler der anderen nicht selber machen!

Die Antwort ist ganz einfach:
Es wird nur vom Ergebnis her gedacht.
Das Ergebnis lockt… © John Takai – Fotolia

Ich war dankbar für die einfache Erklärung, die zur Bonsen lieferte, denn sie gibt mir nicht nur Substanz für meine Argumentation gegen den Fokus auf Best-Practice, sondern macht nachvollziehbar, weshalb uns solche Beispiele nicht wirklich weiterhelfen. Wer nur auf das Ergebnis schaut, das so erstrebenswert erscheint (da nachweislich erfolgreich – sonst hieße es ja auch nicht Best-Practice) übersieht das Wichtigste, nämlich den Prozess, der zu dem begehrten Erfolg geführt hat.

Wenn uns ein Ergebnis beeindruckt, fragen wir auch danach, wie es dazu gekommen ist: Wie lange hat es gedauert, wann wurde damit begonnen, was hat wer mit wem wann getan? Am Ende steht ein Maßnahmenplan – die geplante Chronologie des Ablaufs: 100% Chronos.

Gefragt wird in der Regel auch, was die Erfolgsfaktoren waren: Zeitbudget, finanzielle Mittel, Ressourcen, Institutional Readiness, Kompetenzen der Beteiligten. Das sind Wegbegleiter des Chronos.

Aber das ist immer noch nicht alles, wie sich zeigen wird.

Wird einfach der Weg der anderen kopiert, so heißt das noch lange nicht, dass am Ende das gleiche erfolgreiche Ergebnis steht, nach dem gestrebt wurde. Denn wer immer und wann immer sich auf den Weg macht, erlebt Unvorhergesehenes. Das können komplett andere Dinge sein, als bei den Vorreitern. Klingt simpel, ist es auch. Die Folgen jedoch sind nicht simpel: Unvorhergesehenes ist nicht planbar, deshalb kann man es auch nicht einfach abbilden, schon gar nicht chronologisch. Seinen Auswirkungen kann man erst begegnen, wenn sie da sind. Und man kann ihnen nicht ausweichen oder gar vorbeugen.

Am Anfang können wir nicht wissen, was das Ergebnis sein wird!
Kairos ist Realität, wir müssen ihn nur „beim Schopfe packen“! Fotolia-©-tanyasid

Selbst wenn wir den Prozess unserer Vorbilder klonen könnten, würden wir ein anderes Ergebnis erzielen, als sie. Das liegt schlicht an den beteiligten Menschen, die als Individuen unterschiedlich agieren und an der individuellen Konstruktion einer jeden Organisation – ganz gleich ob groß und komplex oder klein und überschaubar. Und es liegt an Kairos.

Kopieren wir einfach die Prozesse der anderen und folgen damit einem „fremden“, chronologischen Plan, blenden wir aus, dass günstige Momente und Konstellationen entstehen können, die es nur bei uns, in unserer Organisation, mit ihren Beteiligten in diesem Augenblick geben kann. Wenn wir blind einen geplanten Schritt nach dem anderen gehen (Fortgeschrittene entwickeln alternativ Plan B und C) auf einer gedachten geraden Linie geradeaus nach vorne (chronologisch wie z. B. „Schritt 1 bis 7 zum Erfolg“), dann bleibt wenig Raum für „Zufälle“ und den rechten Augenblick.

Auch unsere Vorbilder hatten diese Momente – und sie müssen sie genutzt haben, sonst wäre ihr Beispiel nicht erfolgreich! Leider kann man diese Momente des Kairos nicht klonen oder wiederholen, nicht die der anderen und auch nicht die eigenen.

Wie aber kann es gehen?

Wenn wir Raum geben und schaffen dafür, dass Unvorhergesehenes geschehen darf, ohne dass wir uns in unserem Plan gestört fühlen.

Wenn wir offen dafür bleiben, dass das Ergebnis ein anderes sein kann, als das, welches wir zuvor so bewundert haben – vielleicht besser (für uns), eventuell auch schlechter (dann lernen wir noch mehr daraus).

Wenn wir den günstigen Moment beim Schopfe packen dürfen, auch wenn das im Plan so nicht vorgesehen ist, oder Personen daran beteiligt oder davon betroffen sind, an die wir noch gar nicht gedacht haben.

Es beginnt mit unserer inneren Haltung – und der der anderen, KollegInnen wie Vorgesetzte.

Das Beispiel des Unternehmens in dem Workshop, den ich beim Kongress besucht habe, hat mir wieder einmal eindrücklich gezeigt, dass Kairos von Anfang an eine zentrale Rolle spielt. In diesem Fall war es die persönliche Auseinandersetzung einer entscheidenden Person mit der eigenen Rolle und der eigenen Haltung zur Verantwortung für das Unternehmen.

https://www.gutmann-wire.com/fileadmin/user_upload/Download/Unternehmenskultur/Dokumentation-GAD-PDF-Ein-Unternehmen-erfindet-sich-neu-V02-200dpi.pdf
© Michael Wolf / GAD/ 2017
Wir sollten den Kairos einladen, uns zu besuchen.

Am Ende geht es um die Bereitschaft, neue Wege zu gehen bei der Einführung oder Implementierung veränderter oder neuer Vorgehensweisen im Fundraising. Eben nicht mehr vom Gleichen, sondern außergewöhnliche Schritte, ungewohnte Formate auszuprobieren. Wir haben unter anderem hier einmal versucht, zu beschreiben, was das in der Praxis bedeutet.

Wenn Sie, liebe LeserInnen einmal Revue passieren lassen, wann und unter welchen Umständen Ihnen Kairos zufällig begegnet ist, haben Sie vielleicht auch schon eine Idee, wie sie ihn zukünftig einladen können, wieder bei Ihnen vorbeizuschauen. Diskutieren Sie darüber mit uns!

Über Susanne Reuter

Susanne Reuter ist geschäftsführende Gesellschafterin der Zentrum für Systemisches Fundraising. Seit 2005 verbindet sie systemische Organisationsberatung mit Fundraising und führt die Methode Systemisches Fundraising in die Fundraisinglandschaft ein.

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